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Neonicotinoide – eine tickende Zeitbombe

 

p-2015-07-23-02

Distelfalter
NABU

 

Unter Neonicotinoiden – kurz „Neonics“ – versteht man eine Gruppe hochwirksamer Substanzen zur Schädlingsbekämpfung, die sich durch ein enorm breites Wirkungsspektrum und eine außerordentlich hohe Giftigkeit für die betroffenen Tierarten auszeichnen. Sie wurden in der Landwirtschaft als Saatbeize z.B. für Raps und Mais entwickelt, werden u.a. im Gemüse- und Kartoffelanbau angewendet, aber auch unter zahlreichen Präparatenamen als Stäbchen, Gießmittel, Sprays für den privaten Gebrauch angeboten, z.B. für Gärten, Blumenkästen, Gewächshäuser.

Neonics sind Nervengifte, die die Reizübertragung an Nervenenden vollständig blockieren. Sie sind bis zu 7000 x so wirksam wie DDT – töten also in extrem geringen Mengen. So liegt die LD 50 für Honigbienen – die Dosis, bei der 50 % der Bienen durch akute Vergiftung sterben – bei 3,7 bis 5 ng (milliardstel Gramm) pro Biene.

Aber nicht nur Bienen sind betroffen.
In der Antwort auf eine Anfrage der Grünen bestätigt die Bundesregierung: Neonics sind toxisch für fast alle Gliederfüßer (Arthropoden). Gliederfüßer bilden den artenreichsten Tierstamm mit über einer Million Arten (etwa ¾ aller bekannten nicht-fossilen Tierarten !). Zu ihnen gehören z.B. alle Insekten, Krebstiere, Springschwänze und Tausendfüßler.
Bedroht sind also unzählige Lebewesen, unabhängig davon, ob sie zur vergleichsweise winzigen Gruppe der „Schädlinge“ gehören oder zur überwältigen Mehrheit der sog. „Nichtzielarten“, die als Bestäuber von Kultur- und Wildpflanzen, als Destruenten und Glieder in der Nahrungskette unverzichtbar sind. Wie z.B. sollen Vögel ihre Jungen großziehen, wenn sie kaum noch Insekten finden? Untersuchungen aus den Niederlanden legen nahe, dass dies zumindest als Mit-Ursache für Bestandsrückgänge anzusehen ist.

Dank ihrer guten Wasserlöslichkeit breiten sich Neonics über Oberflächengewässer und Grundwasser aus. Wasserlebende Arthropoden gelten als besonders gefährdet.
Im Boden können Neonics mehrere Jahre verbleiben. Z.B. beträgt die Halbwertzeit – das ist die Zeit, in der die Konzentration auf 50% abgesunken ist - von Imidacloprid bis zu 997 Tage. Wirkstoffrückstände wurden in Feldfrüchten noch 2 Jahre, in holzigen Pflanzen bis zu 6 Jahren nach der Anwendung nachgewiesen.
Ihre Wirkung akkumuliert mit der Zeit. Summationswirkungen im Zusammenspiel mit anderen Pflanzenschutzmitteln sind außerdem möglich. Zusammen mit Fungiziden ist eine Toxizitätssteigerung von Neonics um den Faktor 1000 nachgewiesen worden.

Neonics wirken systemisch, d.h. sie verteilen sich in der gesamten Pflanze, sind in Pollen und Nektar und sogar im sog. Guttationswasser nachzuweisen, das sich tropfenweise an Blattspitzen bildet und Bienentränke sein kann.
Imker haben dann auch auf die Gefahr massiver Schäden ihrer Bienenvölker hingewiesen, insbesondere nach dem Desaster 2008 in Baden-Württemberg, dem 12000 Völker zum Opfer fielen. Das Beizen von Maissaat mit dem Neonic Clothianidin wurde als Ursache festgestellt und ist seitdem verboten. In der Frage, ob Neonicotinoide für das Bienensterben der letzten Jahre verantwortlich sind, scheiden sich die Geister.

Das Deutsche Bienenmonitoring DEBIMO (das auch die Bundesregierung berät) kann als Ursache des Bienensterbens im Wesentlichen nur die Varroamilbe erkennen. Vielleicht u.a. auch deshalb, weil im 9-köpfigen Projektrat auch Vertreter von Bayer, BASF und Syngenta, also der Unternehmen sitzen, die Neonicotinoide herstellen. Diese Firmen haben die Forschung des DEBIMO bis 2011 zu 50% finanziell unterstützt und in anerkennungswürdiger Selbstlosigkeit ihre Labore zur Verfügung gestellt. Untersuchungsergebnisse in anderen Ländern wurden ignoriert.

In Frankreich beauftragte der Landwirtschaftsminister eine unabhängige Expertenkommission, den Zusammenhang zwischen Bienensterben und einem der gefährlichsten Neonicotinoide, Imidacloprid, zu untersuchen. Die Kommission kam zu dem Ergebnis, dass Imidacloprid eine weltweite Bedrohung für alle Bienen ist! Vor allem auch deshalb, weil schon minimale Dosen wie 0,1 ng (ein zehnmilliardstes Gramm) kognitive Störungen auslösen wie Orientierungslosigkeit und Unfähigkeit, soziale Aufgaben wie Schwänzeltanz, Einhalten der optimalen Stocktemperatur u.a. zu erfüllen.
Zusätzliche Belastungen durch z.B. Varroamilben, vor dem Hintergrund unzureichender Ernährung mangels eines vielfältigen blütenreichen Nahrungsangebotes, lassen ganze Völker sterben. Inzwischen hat auch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA reagiert: Für die drei besonders toxischen Neonics Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam wurde deren Verwendung durch Ruhen der Zulassung immerhin eingeschränkt. Ihre Anwendung im Haus- und Kleingartenbereich ist seit 2013 ausnahmslos verboten.
Andere Neonicotinoide wie Acetamiprid und Thiacloprid werden als Ersatz-Substanzen angeboten, auch in Präparaten für Haus und Garten. Thiacloprid wird als weniger toxisch, zumindest für Honigbienen, angesehen. Sie vertragen höhere Dosen und im Zulassungsbericht des BVL wird Thiacloprid sogar – allein auf Grund des Anwendungsmodus (!), nämlich nur zur Einzelpflanzenbehandlung – sogar als nicht bienengefährlich eingestuft. Neuere Studien belegen jedoch, dass auch Thiacloprid die oben beschriebenen Verhaltensstörungen hervorruft und darüber hinaus die gesundheitliche Stabilität der Bienen beeinträchtigt.
Grotesk: Schädigend wirkt diese Substanz u.a. auch auf Siebenpunkt-Marienkäfer und Florfliegen, die ihrerseits als (biologische !) Schädlingsbekämpfer aktiv sind. Für Fische und Fischnährtiere ist Thiacloprid giftig.

Die Schlussfolgerung: Wir brauchen umfassendere, strengere Risikobewertungen, die auch langfristige Expositionen bei subletalen Dosen sowie Kombinationswirkungen berücksichtigen, ohne die gravierende Einflussnahme durch betroffene Unternehmen! Noch dringlicher aber ist eine Umorientierung zu ökologischerer Landbewirtschaftung!
Jeder von uns kann aber schon jetzt handeln und am besten durch Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel wenigstens in seinem unmittelbaren Umfeld etwas zur Entlastung des Naturhaushaltes beitragen.

PS: In einem Gerichtsurteil vom März 2015 wurde dem BUND zugestanden, zwei Präparate der Firma Bayer CropScience, nämlich „Schädlingsfrei Calypso“ und „Zierpflanzenspray Lizetan“, als gefährlich für Bienen zu bezeichnen. Beide Präparate enthalten Thiacloprid, sind mit einem firmeneigenen Bienenlogo versehen und werden als „nicht bienengefährlich“ beworben. Bayer hat auf ein weiteres Vorgehen gegen den BUND verzichtet.

 

 

Literatur:

Deutscher Bundestag Drucksache 18/2531 vom 12.9.2014

IUCN: Systemic pesticides pose global threat to biodiversity and ecosystem services

Susan Haffmans: Pestizide und Umwelt / Zusammenfassende Darstellung des Einsatzes und der Auswirkungen